Brief von Viggi
Teuerste Freundin meiner Seele!
Wenn sich zwei Sterne küssen, so gehen zwei Welten unter! Vier rosige Lippen erstarren, zwischen deren Kuß ein Gifttropfen fällt! Aber dieses Erstarren und jener Untergang sind Seligkeit und ihr Augenblick wiegt Ewigkeiten auf. Wohl hab ich's bedacht und hab es bedacht und finde meines Denkens kein Ende: – Warum ist Trennung? – ? – Nur eines weiß ich dieser furchtbaren Frage entgegenzusetzen und schleudere das Wort in die Waagschale: Die Glut meines Liebeswillens ist stärker als Trennung, und wäre diese die Urverneinung selbst – – solange dies Herz schlägt, ist das Universum noch nicht um die Urbejahung gekommen!! Geliebte! fern von Dir umfängt mich Dunkelheit – ich bin herzlich müde! Einsam such ich mein Lager – – schlaf wohl! – –
Meine Version von Wilhelms Brief
Teuerste Freundin meines Herzens!
Seit Euer Brief in meine Hände fiel, ist mir, als hätte jemand ein verborgenes Licht in meiner Brust entzündet - ein Licht, das mich in der Kälte der Sehnsucht nach Euch wärmt.
Die Trennung erscheint mir wie ein feiner Schleier, den das Schicksal zwischen zwei Herzen zieht. Er verbirgt den geliebten Menschen vor unseren Augen, vermag ihn aber nicht aus unseren Gedanken zu ziehen.
In jeder Sekunde der Trennung wünsche ich mir nichts sehnlicher als die kleinen Zeichen Eurer Gegenwart. Die Wärme Eurer Nähe oder jene stillen Augenblicke, in denen zwei Herzen einander wortlos verstehen.
Ich will die Trennung als jene wunderliche Macht betrachten, welche die Herzen voneinander entfernt, sie jedoch lehrt, einander umso höher zu schätzen.
Und obgleich mich die Ferne mit einer Traurigkeit erfüllt, so finde ich doch Trost in dem Gedanken, dass für Euch dieselbe Sonne aufgeht und derselbe Mond Eure Nacht erhellt.
Möge dieser Brief Euch erreichen, wie meine Gedanken es Tag und Nacht tun.
Euer Wilhelm